Freitag, 28. Mai 2010

Die Erdbeeren

Urbano Tavares Rodrigues

Der Morgen war ein Fest vollkommenen Lichts, ganz Rosen und Mosaiken, jäh funkelnd in den Scheiben der Dachmansarden, schwarz blitzend auf den Steinen der Bürgersteige, reflektierend auf den verchromten Automobilen und der blass-bronzenen Haut derer, die schon am Strand gewesen - ein goldener Wandteppich Lissabons, die Rufe der Lotterieverkäufer, gar der Verdacht nach einem Hauch fauliger Meeresbrise und Weihrauch an den Türen der Barockkirchen.
Dies war das Lissabon der Frau mit den grünen Augen

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In der gepflegten, ebenmäßigen Hand, die einen florentinischen Ring mehr verheimlicht als zur Schau stellt (von der Art, die man bei Antiquitätenhändler
n kauft - nicht bei denen auf dem Ponte Vecchio - jene für alle Arten von Touristen) - hielt sie unsicher eine Tüte Erdbeeren. Dann passierte etwas, ein Erschrecken durch die Elektrische verursacht, die dort am Eingang zum Misericórdia-Platz die Passanten beinah streift oder ein zufälliger Zusammenstoß - irgend ein träger Hund, in den sonnigen Seidenglanz ihrer Beine einfädelnd, irgendetwas, das den leichten und lyrischen Gang aus dem Gleichgewicht brachte... und die Hälfte oder mehr als die Hälfte der großen, frischen, saftigen, ja schon vom Anschauen süßen Erdbeeren rollten den Bürgersteig hinunter; viele von ihnen versteckten sich unter dem Fahrgestell meines Autos.
Sie, unbewegt, zart, ferne Gallionsfigur, ohne ein Anzeichen von Ärger im entzückend unvollkommenen Gesicht (welch Wohlerzogenheit!), schob lediglich mit der Spitze des flachen Schuhs mit breitem Absatz, die auf d
er Straße verteilten Erdbeeren beiseite. (Wie sehr verabscheue ich zuweilen die zivilisierte Welt der guten Erziehung!)

Zweiter Akt dieser elektrisierenden Szene, die mir der Zufall präsentiert hat:

Es waren die weniger wohlerzogenen Leute, die schlecht und schnell reden und nach Schweiß und nach Leben riechen, sich aber so oft der Gesten schämen, nach denen es ihnen
gelüstet; dies war nun das Lissabon, mal verschämt mal vorlaut, doch fast immer ängstlich, das am Rande der verlassenen Erdbeeren defilierte, nicht wagend sich zu bücken um sie aufzusammeln.
Bis er auftauchte (und hätte er sich nicht gebückt, wäre ich hin, um die Erdbeeren vom Boden aufzusammeln und sie ih
m in die zerknautschten Taschen hineinzuzwingen); ein blässlicher Junge, Lehrling irgendeiner der Werkstätten des Bairro Alto, der stehen blieb, zögerte, Andeutung machte sich hinunter zu beugen, zweifelnd noch, doch endlich! sich auf die Erdbeeren stürzte, sie eine nach der anderen anpeilte, sie, auf den Knien hockend, triumphierend in einen Kelch der Liebe sammelte, der doch nichts anders war als ein Stück Zeitungspapier.

In seiner Begleitung befand sich jedoch ein altes Mütterchen, eines derer mit demütigem Antlitz und vom Salmiak zerfressenen Fingern, eines von denen viele feine Leute meinen, man müsse sich nicht mit ihnen unterhalten oder sie würden keine Verbeugung verdienen (eine achtungsvolle Verbeugung), da sie ja nicht mal den eigenen Namen schreiben können. Und das Geschöpf schämte sich, die Erdbeeren zu nehmen. Sie sah um sich, gehetzt, als sei es ein Verbrechen oder ein Verstoß gegen die guten Manieren. Eindringlich beharrte der Junge 'Aber sehen Sie doch, wie schön, wie gut sie sind, man wäscht sie und sie sind wunderbar!'

Ich weiß nicht, wie die Szene endete. Ich legte den Gang ein und fuhr los. Kehrte dem Leben den Rücken.
Manchmal tut das Leben so weh!

Aus 'A Palma da mão' (Die offene Hand)

Übersetzung: Andorinha