Donnerstag, 29. Dezember 2011

Natal - Weihnachten

Miguel Torga

Mit Rucksack und Stock tat der alte Garrinchas sein Möglichstes, sich der Ortschaft zu nähern. Die Not hatte ihn zu weit hinausgetrieben. Betteln ist ein trauriges Handwerk, doch Betteln in Lourosa noch schlechter. Niemand gibt was. Haben sie Geduld! Gott wird es Ihnen vergelten - soll doch ein Unglückseliger das Wasser der Bäche trinken und Steine essen!

Was bleibt einem also, als den Horizont zu erweitern und unbekannten Leuten die Hand um deren Barmherzigkeit entgegenzustrecken, von denen sich wenige schämen, einem Manne eine Brotrinde während des Vaterunsers abzuschlagen .
Ja, er betete während er an die Türen klopfte. Man mochte es... Man frönte dem Glauben, das war besser. Es sind die guten Taten, die uns retten. In den Himmel kommt man nicht durch Litaneien, so sollte man schlussfolgern. Der Kamm kämmt feiner! Nun also… es versteht sich, nur wenn er die Beine in die Hand nahm und weit liefe, schaffte er zu überleben.

So kehrte er von einer weiteren dieser Pilgerreisen zurück, völlig überflüssig, wäre die Welt eine andere.
Wenn er auch 10 Taler in der Tasche hatte und einen vollen Rucksack trug, so fiel es ihm immer schwerer, die Beine nachzuschleppen. Krrrrreutzlahm! Er hätte in Loivos geblieben sein können, klar. Schlafen und sich am nächsten Tag frühmorgens auf den Weg machen. Doch ach was! Er setzte sich in den Kopf, an der heimischen Futterkrippe zu Abend zu essen.
Wiewohl weder Haus noch Familie auf ihn warteten.
Die gesamte Wärme würde die vom Volksofen sein, stets für die Armen offen. Jedenfalls
die heilige Nacht unter vertrauten Ziegeln verbringen, in der Trunkenheit der vertrauten Zistrosen und des Ginsters, beim Einatmen des Duftes frischen Brots vom letzten Backen.
Dieses Vorrecht wenigstens gab Lourosa den Unglücklichen. Ihnen den Bauch füllen, nein.
Doch den Leib beherbergen und den Schlaf töten in jenem kollektiven Heiligtum des Hungers, das durften sie.




Das Problem bestand darin, anzukommen. Das verfluche Gebirge hörte nie mehr auf, und er fühlte sich müde. 75 Jahre, wenn es auch nicht so scheint, sind eine große Last.
Zumal er in Feitais getrödelt hatte.
Er hatte eine Runde durch das Kaff gedreht, die Kirchenmäuse bissen an, die Sache begann sich zu lohnen, und er vergaß die Zeit. Als er sich besann, war‘s schon nach 4.
Und weil es früh dunkel wurde, blieb kein anderer Ausweg als im Galopp zu laufen, gegen die Zeit und gegen das Alter anzurennen mit widerspenstigem Herzen. Verzweifelt schlug es ihm gegen die Brust, um Barmherzigkeit heischend. Soll es sich gedulden. Die Medizin war Weitergehen. Und zu allem Unglück begann es zu schneien!
Wie es aussieht, schneit es nur leicht. Doch was wäre, wenn es Ernst würde?
Gut, ein Armer ist schon an viele Streiche des Glücks gewöhnt.
Als ob er sich beschweren würde! Für jede Rücksichtslosigkeit des Schicksals!
Ihm hilft sein gutes Naturell. Komme, was da wolle, er begegnete allem mit derselben Miene. Wozu sich ärgern? Das brächte nichts. Man nannte ihn Philosoph... Spinner, meint man wohl. Es kümmerte ihn nicht.

Und er stürzte. Die Watte in den Beinen! Er stürzte, jawohl! Schön! Glücklicherweise war die Kapelle ‚Unsere Lieben Frau des Wohlgefallens ‘ nah. Wenn der Spaß so weiterginge, sieh ‘mal, dann würde er im Domkapitel schlafen. Und, wenn es so kommt, dann leb wohl Weihnachtsnacht in Lourosa...

Er beschleunigte noch den Schritt, stellte sich der Müdigkeit gegenüber taub, durchbrach den Blütenregen. Prächtiger Anblick!
Mit Elefantenbeinen und weiß wie ein Müller, kam er nach einer halben Stunde Marschs am Hof der Kapelle an. Im weiten Rund sah man nicht einmal eine Handbreite freien Bodens. Gefallen, erinnerten die Felsen an Büßer.
Kein Zweifel, an anderen Obdach war nicht mal zu denken. Und Gott danken!


Er trat unter das Vordach, lehnte den Stock an die Wand, setzte den Rucksack ab, schüttelte sich und bemerkte erst dann, dass die Tür zur Kapelle nur angelehnt war.
Entweder vergessen oder eine sündige Seele hatte das Schloss aufgebrochen. Na meinetwegen! Das kleinere Übel. Falls nötig, könnte er eintreten und innen Zuflucht finden. Etwas, das zur rechten Zeit entschieden wird…Fürs erste ein Feuer machen, draußen. Doch woher das Feuerholz nehmen? Teufel, Teufel…
Er ging hinaus, schnappte sich einen Armvoll Riedgras, ging zurück und versuchte, es anzuzünden. Aber es war grün und feucht und das Feuer verlosch nachdem es aufgeflammt war. Er wiederholte es dreimal mit dreimal demselben Misserfolg. Schlecht! Alle Streichhölzer zu verbrauchen, das ist es nicht.
Mit beginnender Unruhe, weil die Bergluft ihn behinderte, und es anfing dunkel zu werden, erinnerte er sich, zur Sakristei zu gehen und zu sehen, ob er ein Stück Papier finden würde.
Er entdeckte tatsächlich eine Zeitung in einer Schublade und schon ruhiger und den Himmel für diese Hilfe dankend, schaute er zum Altar. Fast unsichtbar im Halbschatten, den Gottessohn auf dem Schoß, schien ihn die Mutter Gottes anzulächeln.
- Frohes Fest- wünschte er ihr dann und lächelte auch.
Zufrieden über die Worte, die aus seinem Mund gekommen waren, ohne zu wissen, wie, drehte er sich um und bemerkte, in eine Ecke geräumt, das Gerüst zum Tragen der Heiligen während der Prozessionen. Es würde eine Übertretung sein, gewiss, doch was sollte es. Dort vor Kälte zu sterben, das ist der Punkt! Er würde das Gerüst seinem Baldachin entreißen. Jawohl! Zur Kirchweih sollten sie einen neuen besorgen.

Etwas später, in die Dunkelheit der Nacht eingehüllt, konnte das Feuer unter dem Schutzdach, wenn man so sagen darf, jeden besser begüterten Kamin herausfordern. Das trockene Holz des Heiligengerüstes brannte, dass es eine Freude war, allein der Geruch eines Stücks Schinken, den er in Carvas bekommen hatte, ließ das Wasser im Mund laufen. Was fehlte noch?

Trocken und warm, war der alte Garrinchas nun zum Nachtmahl bereit. Er nahm das Taschenmesser, schnitt ein Stück Maisbrot und eine Scheibe Schweinefleisch ab und setzte sich. Aber vor dem ersten Bissen gab ihm die Seele eine Eingebung und zur Entlastung des Gewissens erhob er sich und ging an den Kapelleneingang. Der Feuerschein schlug voll in die Goldschnitzerei und erfüllte das ganze Haus.
-Möchten Sie essen?
Die Heilige schien ihn wieder anzulächeln und das Kind ebenso. Und der alte Garrinchas, angesichts dieser jedes Mal herzlicheren Begrüßung, machte keine halben Sachen, trat ein, begab sich zum Altar, ergriff das Bildnis und trug es zum Feuer. - Essen wir drei hier zu Abend – sagte er mit der Unschuld und der Ironie eines Patriarchen. - Sie, Senhora, seid Ihr selbst; der Kleine ebenso; und ich, wenn auch unwürdig, bin der Heilige Sankt Josef.



Miguel Torga aus: Neue Geschichten vom Gebirge


Übersetzung: Andorinha





Donnerstag, 28. Juli 2011

a taberna e o canto

António Murteira


DIE TAVERNE UND DER GESANG


in der Taverne

trinke ich so viele Gläser Wein

wie nötig sind

zu ertränken die Einsamkeit

meines Dorfes


und singe

und singe

und singe


500 Kooperativen wurden zerstört

diese Hoffnung wurde zerstört

auf leuchtende und schöne Tage

Alentejo, 1989

Bild: " Momento" von Carlém

aus „azul e branco e ocre“


Übersetzung: Andorinha





antónio murteira

na taberna

bebo tantos copos de vinho

quantos os necessários

para afogar a solidão

da minha aldeia


e canto

e canto

e canto


foram destruídas quinhentas cooperativas

foi destruída esta esperança

de dias luminosos e belos


Alentejo, 1989



de „azul e branco e ocre“


António Murteira wurde in S. Manços (Alentejo) geboren. Lebt in Évora.

Er ist Agraringenieur. Beteiligte sich an der Revolution des 25. April 1974 im Kampf für die Agrarreform, für die "Lokale Macht der Demokratie" und für den Aufbau des Unternehmens "Alqueva" (wo das Land zu Wasser wurde - Anmk. der Übersetzerin)

Er wurde 1979 in den Gemeinderat von Évora gewählt, 1983 ins Parlament (für den Wahlbezirk von Évora) und 1991 für den Wahlbezirk von Beja von der PCP delegiert.






Mittwoch, 8. Juni 2011

10. Juni Portugal - Camões

Am 10. Juni, dem Nationalfeiertag Portugals gedenken die Portugiesen ihres größten Dichters


Uns Deutschen ist er weniger bekannt. Deshalb wage ich das Experiment, ein Gedicht von ihm zu übersetzen. Es besitzt heute noch dieselbe Gültigkeit wie vor fast 500 Jahren.






An die Unordnung der Welt
 

Die Guten sah ich stets durchleben
schlimme Qualen in der Welt;
und überdies erstaunt es mich,
dass stets die Schlechten ich schwimmen sah
im Meere der Zufriedenheit.
Überlegend, hierdurch
das so schlecht eingerichtete Gute zu erlangen,
bin ich schlecht gewesen und wurde bestraft.
Somit befindet sich im Einklang die Welt
allein für mich.


Übersetzung: Andorinha



























































Sonntag, 17. April 2011

Klage der jungen zensierten Seelen

Man gibt uns eine Lilie und ein Taschenmesser
und eine Seele um zur Schule zu gehen
dazu ein Schild mit Aussicht
auf Wurzeln Äste und Blattwerk


Man gibt uns eine imaginäre Landkarte
in Gestalt einer Stadt
auch eine Uhr und einen Kalender
worin unser Alter nicht steht


Man gibt uns Schaufensterpuppen
Ehrungen um unsere Abwesenheit aufzuziehen
Man gibt uns einen Preis weil wir so sind
ohne Makel und ohne Unschuld


Man gibt uns ein Schiff und einen Hut
um eine Photografie von uns zu machen
Man gibt uns Eintrittskarten für den Himmel
aufgeführt in einem Theater


Mit den Perücken der Großeltern
frisiert man uns die kahlen Schädel
so wir niemals uns selbst
ähneln wenn wir alleine sind


Man gibt uns einen Kuchen der die Geschichte
unserer Geschichte ohne Handlung ist
und uns klingt im Gedächtnis
kein anderes Wort als Angst

Wir haben so wohlerzogene Phantasmen
dass wir an ihrer Schulter schlummern

leeres Schlafen entvölkert
von Gestalten des Erstaunens


Man gibt uns den Umschlag des Evangeliums
und ein Päckchen Zigaretten
einen Kamm gibt man uns und einen Spiegel
um einen Affen zu kämmen


Man gibt uns einen im Verstand festgerammten Nagel

und einen an der Taille befestigten Kopf
damit der Körper nicht aussehe
wie die Gestalt der Seele die ihn sucht

Man gibt uns einen eisernen Sarg
eingelegt mit Diamanten
um die Beerdigung zu organisieren
unseres Körpers gleich da vorn

Man gibt uns einen Namen und eine Zeitung
ein Flugzeug und eine Geige
das Tier aber gibt man uns nicht
das seine Hörner in das Schicksal stößt

Man gibt uns Matrosen aus Pappmaché
mit Stempel im Pass
deswegen ist unsere Dimension
weder das Leben noch das Sterben

Übersetzung: Andorinha




Queixa das almas jovens censuradas
(zum Hören und Sehen anklicken)

Dão-nos um lírio e um canivete
e uma alma para ir à escola
mais um letreiro que promete
raízes, hastes e coroa

Dão-nos um mapa imaginário
que tem a forma de uma cidade
mais um relógio e um calendário
onde não vem a nossa idade

Dão-nos a honra de manequim
para dar corda à nossa ausência.
Dão-nos um prémio de ser assim
sem pecado e sem inocência

Dão-nos um barco e um chapéu
para tirarmos o retrato
Dão-nos bilhetes para o céu
levado à cena num teatro

Penteiam-nos os crânios ermo
com as cabeleiras das avós
para jamais nos parecermos
connosco quando estamos sós

Dão-nos um bolo que é a história
da nossa historia sem enredo
e não nos soa na memória
outra palavra que o medo

Temos fantasmas tão educados
que adormecemos no seu ombro
somos vazios despovoados
de personagens de assombro

Dão-nos a capa do evangelho
e um pacote de tabaco
dão-nos um pente e um espelho
pra pentearmos um macaco

Dão-nos um cravo preso à cabeça
e uma cabeça presa à cintura
para que o corpo não pareça
a forma da alma que o procura

Dão-nos um esquife feito de ferro
com embutidos de diamante
para organizar já o enterro
do nosso corpo mais adiante

Dão-nos um nome e um jornal
um avião e um violino
mas não nos dão o animal
que espeta os cornos no destino

Dão-nos marujos de papelão
com carimbo no passaporte
por isso a nossa dimensão
não é a vida, nem é a morte




Freitag, 11. Februar 2011

Retrato de Mónica

Bisher habe ich Erzählungen und Gedichte verschiedener Autoren in einzelnen Posts veröffentlicht. In diesem Jahr möchte ich dieses Konzept erweitern. Ich werde der portugiesischen Schriftstellerin Sofia de Melo Breyner Andresen eine Seite widmen.

Ich mag die Art, wie Sofia de Melo Breyner Andresen ihre Bilder zu malen versteht. Vielleicht gelingt es mir, sie beim Übersetzen in der Weise mit hinüberzunehmen, dass sie ihre Wirkung nicht verlieren.

Die Biographie ist in den deutschen oder portugiesischen Links nachzulesen.

So wie auch schon in den vorangegangenen Posts, werde ich wieder Fotos verwenden oder mit Links arbeiten, die auf andere Seiten verweisen. Klickt die Fotos an, auch die mit den Originaltexten, um sie größer zu sehen und geht auf die Links, wenn ihr mehr erfahren wollt.

Sofia de Melo Breyner Andresen soll über sich gesagt haben, dass Poesie ihr Verständnis des Universums, ihre Teilnahme an der Wirklichkeit, ihre Begegnung mit Bildern und Stimmen war.

So seht also eines ihrer Bilder, das